Verbringen wir Weihnachten im Lockdown ?

Der Chef der Kassenärztlichen Bundesvereinigung Dr. med. Andreas Gassen wird momentan in allen Medien

mit der Aussage zitiert, „beinahe jeder“ Ungeimpfte würde sich in den „nächsten Monaten“ mit Corona infizieren. Anlass war ein Interview für BILD-TV.

Damit prognostiziert Herr Gassen rechnerisch eine Spitzeninzidenz von reißerischen mehr als

5000

Üben wir ein wenig Kopfrechnen: Gehen wir davon aus Herr Gassen hätte mit „den nächsten Monaten“ rund ein halbes Jahr gemeint, der Einfachheit halber nehmen wir 24 Wochen an. Gehen wir weiterhin von rund 30% Ungeimpften aus, das wären dann 24 Millionen Menschen. Inzidenzen werden pro Woche berechnet, damit müssten sich pro Woche im Mittel 1 Million Ungeimpfte infizieren. Für jeden ungeimpften Infizierten rechnen wir zusätzlich mindestens einen geimpften Infizierten, warum, habe ich in diesem Blog erklärt. Damit kämen wir im Mittel auf 2 Millionen Infizierte pro Woche. Die müssen wir durch 800 teilen und kommen damit auf eine mittlere Inzidenz von 2500. Wenn wir ganz grob vereinfacht den Verlauf der Inzidenzen als Dreieck mit linearen Anstieg bis zum Spitzenwert und anschließendem linearen Abfall annehmen, hat dessen Spitze (wir erinnern uns schwach an „Grundlinie mal halbe Höhe“) den Wert 5000. Weniger sicher nicht, mehr dann, wenn sich der ganze Vorgang in weniger als 24 Wochen abspielt.

So einfach geht das. Es wäre spannend zu wissen, ob sich Herr Gassen dieser Konsequenz seiner Prognose bewusst ist.

Damit wäre die von BILD gestellte Frage „Verbringen wir Weihnachten im Lockdown“ erstmal mit „ja“ zu beantworten, eine Spitzeninzidenz von 5000 verkraftet unser Gesundheitswesen auch mit Impfung nicht.

Ein Schuh wird draus, wenn wir, wie das RKI [1], von einer deutlichen Untererfassung der Inzidenzen um einen Faktor 4-6 ausgehen. Dann werden aus den „realen“ 5000 wahrscheinlich gerade noch beherrschbare „gemessene“ 800 – 1250 und auf die bewegen wir uns ja schon stramm zu.

Herr Gassen könnte damit richtig liegen, sowohl mit obiger Einschätzung als auch mit seiner Forderung nach einem „Freedom Day“ [2] und ich wünschte mir fast, dass er mit beidem recht hat.

Am Rande bemerkt: Wenn die Untererfassung wirklich bei 4-6 liegt und die Kapazitätsgrenze der Gesundheitsämter für Kontaktnachverfolgung nachwievor bei einer 50er Inzidenz, dann wird die Kontaktdatenerfassung schon angesichts der aktuellen Entwicklung zu einem müßigem Unterfangen. Wenn Herr Gassen also recht hat, sollten wir die Luca-App und die lustigen Papiermeldezettel schleunigst einstampfen, beides macht dann nur allen Beteiligten unnötig Mühe. Damit werde ich zwar meine Emailadresse „dieseuche@o*****.de“, die jedesmal beim Kneipenbesuch für Erheiterung sorgt, nicht mehr in den Ring werfen können, aber wir müssen ja alle Oper bringen.

Alles wird gut. Hoffentlich.


[1] RKI – Untererfassung https://www.rki.de/DE/Content/InfAZ/N/Neuartiges_Coronavirus/Steckbrief.html;jsessionid=C1D5559B4912BB157F9B464A058BAA9E.internet092?nn=2386228#un

[2] Tagesschau – „Freedom Day“ statt „German Angst“? https://www.tagesschau.de/inland/gesellschaft/corona-gassen-lauterbach-freedom-day-101.html


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